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Lady of Shalott

 

Links und rechts am Uferrand
Erstreckt sich sattes Ackerland
Darüber blauer Himmel prangt,
Und auf dem Weg durchs Feld gelangt
Man zu der Stadt von Camelot.
Auf und ab die Menschen gehn,
Die nach den weißen Lilien sehn,
Die um eine Insel stehn,
Die Insel von Shalott.

Helle Weiden, Espen beben,
Brisen sanft die Nacht beleben,
Bei der Insel vom Fluss umgeben,
Wellen, die auf ewig streben
Hinab zur Stadt von Camelot.
Graue Mauern, Türme, Wehr
Überschaun ein Blumenmeer
Nahe bei der Insel der
Lady von Shalott

An der Küste durch die Weiden
Sieht man viele Boote gleiten,
Fremde auf ihren Pferden reiten,
Schiffe nahen von allen Seiten,
Fahren hin nach Camelot.
Sah man sie je zur Stadt gewandt?
Wie sie winkend am Fenster stand?
Oder ist sie überall bekannt?
Die Lady von Shalott.

In der Frühe Sensen schwingen
Bauern, die das Korn einbringen,
Hören sanft ein Lied erklingen,
Das klare Wasser trägt ihr Singen
Zu den Türmen Camelots.
Und als der Mond am Himmel steht,
Jeder sein Korn zu Bündeln dreht,
Ein Flüstern durch die Runden geht
Über die Lady von Shalott.

Dort webt sie bei Tag und Nacht
Ein Zaubertuch in bunter Pracht,
Sie hörte eine Stimme sacht,
Ein Fluch sie trifft, wenn sie haltmacht,
Um zu schaun nach Camelot.
Was der Fluch meint, weiß sie nicht,
Zum Webstuhl gewandt ist ihr Gesicht,
Denn weiter hat sie keine Pflicht,
Die Lady von Shalott.

Vor ihr ein Spiegel sich befindet,
Dessen Glas ihr Neues kündet
Und sie mit der Welt verbindet,
Sie sieht die Straße, die sich windet
Hin zur Stadt von Camelot.
Sieht Wellen schlagen auf und nieder,
Und der Mägde bunte Mieder,
Junge Burschen immer wieder
Vorbeigehen an Camelot.

Mädchen, die von ihr beneidet,
Ein Priester, der zur Kirche reitet,
Der Junge, der die Schafe weidet,
Ein Page ganz in rot gekleidet,
Passier’n die Stadt von Camelot.
Durch des Spiegelglas verschwommen,
Sieht sie manchmal Ritter kommen,
Nie hat sie ein Mann gewonnen,
Die Lady von Shalott.

Doch scheint sie trotzdem froh zu sein,
Sie webt ins Tuch die Welt hinein,
In der Nacht beim Ackerrain
Ein Trauerzug im Fackelschein
Zog hin zur Stadt von Camelot.
Und in mancher Vollmondnacht
Hat sie der Liebenden gewacht,
Ein Schatten, der sie traurig macht,
Die Lady von Shalott.

Ein Pfeil vom Dachgesimse zischt,
Ein Reiter kommt im Morgenlicht,
Ein Sonnenstrahl im Blattdickicht,
Der sich auf der Rüstung bricht
Des edlen Ritters Lancelot.
Herr und Dame, Hand in Hand,
Er knieend, auf sein Schild gebannt,
Das funkelt über’s gelbe Land
Fernab von Camelot.

Juwelen seinen Sattel zier’n,
Sonnenlicht auf den Saphiren,
Sterne ihren Glanz verlieren,
Glöckchen klingen ihn zu führen
Hin zur Stadt von Camelot.
An einem braunen Lederstrang
Sein silbernes Signalhorn hang,
Das Rasseln seine Rüstung klang
Zur Insel von Shalott.

Schon von weitem sah ihn jeder,
Gold schmückte sein Sattelleder,
Sein Helm und auch daran die Feder
Leuchteten auf jedem Meter
Seines Ritts nach Camelot.
Wie oftmals in der Dunkelheit
Ein Meteor im Feuerkleid
Fliegt über das in Einsamkeit
Daliegende Shalott.

Dunkle Brauen in Licht erstrahlten,
Die Hufe seines Pferdes hallten,
Und unter seinem Helme wallten
Schwarze Locken, ungehalten
Auf seinem Ritt nach Camelot,
Durch die Weite Schritt um Schritt
Sein Bild in ihren Spiegel glitt,
'Tirra Lirra', als er ritt
Sang Sir Lancelot.

Vergessen waren Tuch und Mühn,
Man sah sie hin zum Fenster gehn,
Sie sah die Wasserlilien blühn,
Seine Feder im Sonnenlicht glühn,
Sie schaute hinab nach Camelot.
Das Tuch flog weit aus dem Gemach,
Ihr gelber Spiegel klirrend brach,
Der Fluch, er ist gekommen, sprach
Die Lady von Shalott.

Böen, die gen Westen kehren,
An den gelben Wäldern zehren,
Wogen sich am Ufer mehren,
Dunkle Wolken, die sich leeren,
Auf die Türme von Camelot.
Ein Boot sich bei den Weiden fand,
Das trieb verlassen am Uferrand,
Ins Holz schrieb sie mit eigner Hand:
Die Lady von Shalott

Und in der Freiheit großzügigem Glück,
Wie mit des Sehers Zaubertrick,
Erkennt sie all ihr Mißgeschick,
Und mit sehnsuchtsvollem Blick
Schaut sie hinab nach Camelot.
Die Dämmrung sank schon herab,
Als sie vom Ufer legte ab
Und sich der Strömung übergab,
Die Lady von Shalott.

Sie lag im schneeweißen Gewand,
Das floss bis hin zum Barkenrand,
Ein Blatt fiel sanft auf ihre Hand,
Und durch die Stimmen der Nacht fand
Sie den Weg nach Camelot.
Ihr Boot sich durch das Dunkel stahl,
Die Weidenhaine fern im Tal
Hörten singen sie ein letztes Mal
Die Lady von Shalott.

Ihr Lied klang traurig und vertraut,
Mal sang sie leise, manchmal laut,
Ihr Blut fror unter bleicher Haut,
Starr war ihr Blick, als sie geschaut
Hinab zur Stadt von Camelot.
Noch eh der Fluß sie trägt hinaus
Bis zu des Ufers erstem Haus,
Haucht sie im Leid ihr Leben aus,
Die Lady von Shalott.

Unter Türmen und Terrassen,
Vorbei an Mauern und an Gassen,
Im Dämmerlicht trieb sie verlassen,
Totenbleich durch Häusermassen,
Leise hin nach Camelot.
Hinab zum Ufer alle kamen,
Ritter, Bürger, Herrn und Damen,
Im Bug lasen sie den Namen
Der Lady von Shalott.

Wer ist das? Und was geschah?
Und im erhellten Schlosse nah
Der Lärm erstarb mit einem Mal,
Sie kreutzten sich und wurden fahl,
Die edlen Herrn von Camelot.
Lancelot sann, kurz verlegen,
'Hübsch ist sie', meint er dann verwegen,
Jetzt hat sie Gottes ewgen Segen,
Die Lady von Shalott.

 

Alfred Tennyson (1809 - 1892)

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